Die Kurische Nehrung



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I E  K U R I S C H E  N E H R U N G      
  L A N D S C H A F T  F Ü R  N A T U R F R E U N D E        

Das Schürzenband der jungen Neringa, einer hübschen Riesin, riss - und der Sand rann aus ihrer Schürze ins Wasser. Er trennt seitdem Ostsee und Kurisches Haff voneinander. Die Kurische Nehrung war geboren! So eine alte Sage. Viele einfache, harte Menschen hier hatten keine bessere Erklärung für die Entstehung eines solchen Naturwunders. Und sie wollten nirgendwo sonst als hier leben! Wo konnte es noch schöner sein? Wo wurde aber auch härter um das Fortbestehen dieses Lebensraums gekämpft als hier? Namen wie Sandner, Kuwert oder Epha sprechen für sich. Noch heute wird ihr Werk, werden ihre Methoden und Techniken der Dünenbefestigung, werden sie selbst in ihrem Angedenken von vielen auf der Nehrung lebenden Menschen hoch verehrt - auch wenn sie anderen Stammes sind!

Ganz anders die nüchterne Sprache des Lexikons: „Schmaler Landstreifen mit Sanddünen, zwischen Kurischem Haff und Ostsee gelegen". So die Kurische Nehrung dort. Diese Sprache versteht der moderne, aufgeklärte, eilige Weltenbummler von heute. Jedoch - wer selbst auf der Kurischen Nehrung gewesen ist, nicht nur einen Tag, sondern eine Weile - und wer sie hautnah in dem heute zur Republik Litauen gehörenden Teil erwandert hat -, wird eher mit den „Altvorderen" fühlen. Ganz sicher! Nicht ohne Bedacht haben die Menschen der Kurischen Nehrung ihrer Neringa als Schutzpatronin aller Nehrungsfischer und Seefahrer im Klaipeda/Memel von heute ein Denkmal errichtet. In Gestalt einer Bronzefigur trägt sie zwei Kähne auf ihren Schultern aus dem gefahrvollen Machtbereich Poseidons in Sicherheit. Das wird sie bei der Launenhaftigkeit von Ostsee und Kurischem Haff mehr als einmal getan haben müssen. Quasi Rettung Schiffbrüchiger aus Seenot früherer Tage!

Die Ortschaften Süderspitze und Sandkrug bilden heute Smiltyne, Schwarzort, Preil, Perwelk und Nidden die Gemeinde Neringa, den Hauptort der Kurischen Nehrung. Hier auf der Nehrung ist vieles noch, wie es schon immer gewesen ist. Hier scheint die Zeit stillzustehen. Trotz vieler moderner Neubauten haben die Litauer die Tradition gepflegt, auch wenn sie nicht von ihren eigenen Vorfahren stammt.

Eines sollte jeder Nehrungsbesucher aber sein: Naturfreund! Er sollte das Natürliche, das Einfache, das Urwüchsige, das Großartige lieben. Und all das findet er auf der Kurischen Nehrung in übergroßer Fülle!


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  Gebändigte Natur Kurische Nehrung   Nehrung Haffseite

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  Abend am Haff   Allein gelassen

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  Ostseewellen   Dünenabfall zum Haff



                            Die Heimat noch einmal sehen

In den letzten Jahren wird die Kurische Nehrung vorwiegend von  heimatverbundenen Menschen besucht, von Menschen, die vor mehr als 60 Jahren kriegsbedingt diesen einzigartigen Landstrich verlassen und sich anderswo in Deutschland oder in der Welt ansiedeln mussten. Diese Menschen kommen in ihren späten Lebensjahren noch einmal - oder solange es ihnen von ihrer Gesundheit her noch vergönnt ist - an die Stätten ihrer Kinder- oder Jugendzeit zurück. Sie erzählen von der Vergangenheit hier, finden „Erinnerungsstücke" wieder, sehen aber auch viel Neues. Hass, Neid, Missgunst, Rachegefühle sind ihnen fremd; aber dennoch empfinden sie oft Wehmut über Verlorenes! Meist sagen sie offen, sie seien - nachdem sie alles noch einmal gesehen haben - zufrieden in der Fremde, die ihnen nach so vielen Jahren zur neuen Heimat geworden ist.

Diese älteren Menschen sind für Litauen eine Devisen bringende Touristengruppe. Es ist schön, dass sie ihre frühere Heimat wiedersehen können, was zuvor vielen anderen - aus politischen Gründen - versagt geblieben ist. Sie sind oft aber auch froh darüber, ihren Nachkommen oder Ehepartnern aus der neuen Heimat jetzt die Landschaft ihrer Kinder- oder Jugendzeit zeigen zu können, worüber sie ihnen zuvor nur mehr oder weniger verklärt berichten konnten - und was ihnen oftmals  sogar als Übertreibung ausgelegt wurde.


                            Die Zukunft gehört der Jugend  

Doch für die Republik Litauen kann diese friedliche Begegnung der Menschen heute nur der Anfang sein. Die Zukunft muss auch den nachwachsenden Generationen gehören. Litauen - und ganz besonders die Kurische Nehrung - braucht einen langfristig angelegten, beständigen Tourismus; denn die junge Republik braucht Geld, viel Geld! - um in der Welt bestehen zu können. Zu diesem Zweck sollten vor allem Menschen  angesprochen werden, die die Kurische Nehrung ehrlich und treu in ihr Herz schließen wollen, sie nicht nur oberflächlich, gedankenlos und egoistisch „abhaken" und sie nicht leichtfertig mit  Umweltsünden quälen!

„Was wir auf Mallorca, Madeira oder Ibiza seit Jahren gesucht, aber nur selten gefunden haben, gibt es hier in Hülle und Fülle!", so ein Tourist mittleren Alters, als er von der „Hohen Düne" bei Nidden auf die einmalig schöne, sonnenglühende, schwermütige Dünenlandschaft hinabsah. Schon Wilhelm v. Humboldt bemerkte: „Die Kurische Nehrung ist so merkwürdig, dass man sie eigentlich eben so gut als Spanien und Italien gesehen haben muss, wenn einem nicht ein wunderbares Bild in der Seele fehlen soll". Und Thomas Mann baute sich nicht ohne triftigen Grund sein Sommerhaus gerade in Nidden, hinter dem man noch heute den von ihm gepriesenen „Italienblick" genießen kann. Schließlich haben zahlreiche namhafte Maler die eigenartigen Schönheiten des Neringawerkes in vielfältiger Form und Farbe mit dem Pinsel festgehalten.


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  Dünen Dünen Dünen   Nehrung Haffseite

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  Die Düne wandert   Dünenwüste

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  Ins Haff hinunter   Unaufhaltsam vorwärts

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  Weiße Düne   Wanderdüne im Angriff



                                     Die Natur ist hautnah

Ja, Natur ist auf der Kurischen Nehrung hautnah erlebbar! Wind, Wasser, Wellen, Wanderdünen, wiegender Strandhafer, Wald, Wege, auf denen die Fußsohle wie über einen Moosteppich streicht, jedes Steinchen spürend. Das Meer spricht in eigener, lauter, tosender - manchmal aber auch in leiser - Sprache zum einsamen Strandwanderer. Sein Thema: Die Ewigkeit. Das Werden und Vergehen - zu jeder Zeit. Und wer lange weg gewesen ist und genau hinhört, fragt sich: „Warum warst du nicht immer hier? Wie konntest du ohne dieses Meer leben? " Niemand stört dieses Zwiegespräch.

Der sich schlängelnde Weg quer über die Nehrung wird von hochragenden, rotstämmigen Kiefern, geduckten, dicht stehenden Latschen, eingestreuten leuchtenden Birken und dazwischen niedrigem Heidelbeergesträuch gesäumt. Harzduft in sinnbetäubender Intensität umgibt den Wanderer. Das Rauschen der Ostsee wird mit jedem Schritt schwächer und schwächer. Zu hören ist plötzlich wieder das Rauschen der Bäume, das hölzerne Krächzen der Krähen, das schrille Schreien eines Greifvogels. Im Heidelbeergesträuch bewegen sich vereinzelt Menschen, pflückend, heiter, naschend. Der Himmel strahlt in blauestem Blau, hastig ziehen nur ein paar wattig-weiße Schönwetterwolken darüber hin. 


                                     Das Haff ist ganz anders

Schon steht der einsame Wanderer am Kurischen Haff. Nicht blaues, weiß schäumendes, langwogiges Wasser wird behäbig an weißlich-gelben Strand gespült. Nein. Kurze, grünlich-gräuliche, harte Wellen klatschen an Grasufer, steinigen Strand, Betondeiche oder laufen in Buchten voller Schilf und Binsen. Bojen, Stangen mit und ohne Wimpel, Segel- und Motorboote, fern am Horizont Land in Sicht mit winzig erscheinenden Bäumen und Bauwerken, darüber - unter jetzt blass-blauem Himmel - dichte, weiße Wolkentürme über dem jenseitigen Land!


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  Nehrung Haff Memelland   Nehrungsfernblick zum Memelland

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  Nehrungswanderweg   Schwarzort antik

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  Nehrungspartie   Nehrungspanorama



                            Die Anwesen gehen ans Herz

An der Haffseite ducken sich die alten hölzernen Fischerhäuser in bunten Farben, bei denen ein Anstrich, das so genannte „Kurenblau", sogleich ins Auge sticht. Die Giebel sind meist zum Wasser gerichtet, wohl um dem stetigen Wind möglichst wenig Angriffsfläche zu bieten. Viele weiß umrahmte, kleine Fenster unterbrechen die großen Farbflächen der Wände. Eine geräumige Veranda mit gemusterten Gardinen an den Fenstern ziert nahezu jedes Holzhaus. Und oft deckt ein wettergegerbtes Stroh- oder Reetdach das Bauwerk. Dazu diese Gärten! Zier- und Nutzgarten gleichermaßen. Blumen über Blumen neben Gemüsepflanzen, Beerensträuchern und Obstbäumen. Und an langen, senkrecht in den Boden gerammten Stangen hoch droben Nistkästen für gefiederte Gäste. Dem Betrachter lacht das Herz.

Auf so mancher Grünfläche: Gestelle mit zum Trocknen aufgehängtem, nach Fisch riechendem Netzwerk. Männer in blauer Arbeitskleidung hantieren daran herum. Das ist hartes Leben! Auf dem Wasser davor zahllose Möwen, zankend, schreiend, ungeduldig wartend auf irgendwelche Fischabfälle, die es hier immer zu holen gibt.

Im Hintergrund versteckt oder auch etwas dazwischengestreut: Moderne
Bauten! Unverkennbar neu, aber dem Hergebrachten geschmackvoll angepasst - Tribut an die neue Zeit.


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  Altes Kurendorf   Teilmotiv von der Nehrung



                            Die Menschen sind gastfreundlich

Die Menschen, die hier heute leben und denen der Tourist begegnet, sind schlicht gekleidet und gehen - jeder auf seine Art - ihrem Tagewerk nach. Sehr viel junge Menschen fallen neben den vielen Alten auf. Wo sind die „mittleren" Jahrgänge? „Die sind in der Stadt Klaipeda und arbeiten dort", erfährt, wer danach fragt. Dabei stellt der Fremde fest, wie freundlich jedes von ihm in der Landessprache gesprochene Wort - mag es auch noch so fremdartig klingen - von diesen Menschen erwidert wird! Die Herzen der Litauer fliegen einem dann gleichsam zu. Und wenn sie erfahren, dass jemand aus Deutschland kommt - oder gar aus dem Memelland stammt - ist die Überraschung des Touristen oft perfekt: Sein Gegenüber beginnt plötzlich Deutsch mit ihm zu sprechen! Dann geht es natürlich besonders leicht. Man verweilt, man spricht über Gott und die Welt. Und - man ist plötzlich Gast im Haus seines Gesprächspartners. Man muss trinken - oft ziemlich scharfe Sachen! -, essen, auch Leckerbissen - wie geräucherten Aal - für die in der neuen Heimat viel Geld hingeblättert werden muss und die hier auch nicht alle Tage gegessen werden! Die Menschen, die man eigentlich gar nicht kennt, geben und geben - und freuen sich darüber, dass es einem schmeckt.


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  Kurenkahn restauriert   Alter Kurenkahn in Fahrt

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  Kurenwimpel   Resteverwertung



                            Die Touristen erleben viel

Rasch ist man sich einig: In der nächsten Zeit wird man mit dem Auto, das viele Einheimische haben, das aber aus Geldmangel und wegen der großen Teuerung nicht alle fahren können, durch die Umgebung chauffiert. Das ist eine tolle Sache! Wichtig ist nur: Der Fahrgast sollte den Chauffeur bitten, ihm die Schönheiten seiner Heimat zu zeigen, und nur sparsam eigene, dem Wiederfinden dienende Fahrtziele nennen. Denn immerhin sind Jahrzehnte der Abwesenheit ins Land gezogen. Und heute leben hier andere Menschen! Dann sieht und erlebt der Tourist viel! Anders als bei vielen „programmierten" Ausflügen der Reiseveranstalter, bei denen so manches nach Plan oft nur „hopp, hopp" geht - und der „Gast" bei seiner Abreise eigentlich nicht viel von „Land und Leuten" gesehen hat! Von den oft gepfefferten Teilnahmepreisen behalten Leute, die eigentlich nichts oder allenfalls nur wenig für den Tourismus leisten, den größten Teil ein. Der „kleine Mann" von der Kurischen Nehrung, der viele Leistungen tatsächlich erbringt, erhält dagegen oft nur einen bescheidenen Bruchteil davon. Das vermögen viele „organisierte" Besucher der Kurischen Nehrung häufig nicht so recht einzusehen - und sie entziehen sich häufig rasch solcher „Programmierung" durch Eigeninitiative vor Ort.

Wichtig ist, dass der Tourist dem Einheimischen ehrlich das Gefühl gibt,  das von ihm inzwischen Geschaffene sei wertvoll. Zu sehr ist nämlich bei den Litauern ein unverständlicher Minderwertigkeitskomplex feststellbar. Der beginnt oft schon damit, dass dem Touristen nicht das gewünschte einheimische Bier - alus genannt - gereicht wird, sondern irgendein eingeführtes Gerstengebräu ! Erst wenn die Litauer sehen, dass man Gefallen an ihrem alus findet, freuen sie sich und bieten es auch gern an. Der Tourist sollte bedenken, dass ein Großteil der heute hier Lebenden ohne sein Zutun auf der Kurischen Nehrung angesiedelt wurde. Ihre Wurzeln stecken also oft anderswo in litauischem Boden - mit anderen Bräuchen und Lebensformen. Erst weitere Generationen werden Charaktere hervorbringen, die besser in diese einmalige Landschaft passen.


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  Kleiner Mensch Große Natur   Sieg über die Wanderdüne

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  Segeln vor der Düne im Haff   Segler vor dem Steilabfall



                            Der Naturfreund ist tolerant

Der wahre Naturfreund wird das einfache, nicht gerade leichte Leben der Menschen auf der Kurischen Nehrung miterleben. Er wird sehen, wie dort oft Probleme gemeistert werden, die uns unlösbar erscheinen. Im Improvisieren sind die Litauer nämlich „groß“! Er wird aber auch erleben, wie viele Menschen durch ihre langjährige Versklavung in der Vergangenheit unfähig sind, Eigeninitiative zu entwickeln - oft in uns völlig einfach erscheinenden Dingen. Der Naturfreund wird darüber mehr als einmal den Kopf schütteln, aber er wird nicht gleich vorschnell und leichtfertig verurteilen.

Auf jeden Fall: Der zwischenmenschliche Kontakt ist notwendig - und er sollte gesucht werden. Jeder Nachdenkliche wird beispielsweise darüber entsetzt sein, in Hotels unsichtbare, aber unübersehbare Trennungslinien zu finden zwischen Deutschen aus einer Reisegruppe  und Litauern - vermutlich bloß weil sie das nötige „Kleingeld“ für eine Fernreise haben! Er wird es als „amoralisch" empfinden, sich für sein Geld dort Dinge leisten zu können, von denen viele  Einheimische nicht einmal zu träumen wagen. Hier ist Fingerspitzengefühl angebracht

- nicht Großmannssucht. Traurig stimmt den Fremden, dass ein neues „Klassendenken" heute weniger von gedankenlosen Touristen als von egoistischen Litauern ausgeht! Das sind meist Menschen, die ihr Fähnchen zu allen Zeiten in den vermeintlich richtigen Wind drehen und ihren „Reibach" machen. Die gibt es aber überall. Oft werden jedoch auch stolze, blaue Litaueraugen gesenkt, die sich vor einer aus der Not geborenen, entwürdigend empfundenen Handlung ihrer Landsleute  vor Touristen schämen. Das sollte jeder Einfühlsame erkennen! Immerhin bewegt er sich auf der Kurischen Nehrung - wenn auch nur für kurze Zeit - in einer anderen, sich anpassenden Welt mit immer noch etwas anderen Moralbegriffen - für die viele „Dortige" nichts können.

 

                             Neringa verwöhnt den Nehrungswanderer

Den Naturliebhaber wird eine Wanderung durch die Kurische Nehrung begeistern. Welche Fülle der Flora und Fauna er dort zu sehen bekommt, wird seine kühnsten Erwartungen übertreffen. Weite Täler, unerwartete Höhen, üppiger, fester Grund jetzt, magerer, dürftiger Erdboden kurz darauf, Kräfte, die hier ab-, dort aufbauen, feiner Sand, der - vom Seewind gepeitscht - ins Gesicht sticht wie Nadeln, Ameisen und Heuschrecken in großer Zahl überall am Boden, Falter in vielen Farben und Formen in der Luft und auf den zahllosen Blüten, Reiher in den Dünen, am Schilfufer oder in der Kolonie, Kormorane, zum Trocknen mit ausgebreiteten Flügeln auf Pfählen im Wasser oder auf dem Strandgürtel, Möwen und Schwäne auf den Wellen.  Mal ist das Haff, mal ist die Ostsee greifbar nahe, manchmal beide - so schmal ist es an einigen Stellen der Nehrung. Wer besonderes Glück hat, gewahrt irgendwo im Latschendickicht wohl auch mal einen Elch. In allen Fällen lässt die schöne Neringa jedenfalls grüßen!

Und immer und überall: dieser Wind! Für jeden „Dünenwanderer" ist es ratsam, genügend Trinkbares mitzunehmen. Das Wandern, die Sonne, der Wind, alle sorgen nachhaltig für Durst. Wie wohltuend sind dann kurzfristige Regenschauer, die es auch manchmal gibt. Ein leichter Regenschutz gehört deshalb immer in den Rucksack. 


                            Die Litauer sind freundliche Leute

Verlaufen kann man sich auf der Kurischen Nehrung kaum. Wer dem Rauschen folgt, gelangt an die Ostsee, zur anderen Seite an das Haff. Dazwischen wird man irgendwo auf die nun asphaltierte „alte Poststraße" treffen, die die Kurische Nehrung in ihrer vollen Länge durchzieht. Diese Straße ist viel befahren. Und kaum ein motorisierter Litauer fährt an einem einsam und matt am Fahrbahnrand stehenden Wanderer vorbei, ohne ihn zum Mitfahren aufzufordern - oft sogar dann, wenn der Wagen nach unseren Maßstäben „schon voll" ist. So sind die Menschen dort.

 

                           Die Nehrung - vom Haff aus betrachtet

Höhepunkt eines jeden Nehrung-Aufenthalts ist die Fahrt mit einem Motorschiff auf dem Kurischen Haff entlang der Nehrung  - in den Abend hinein. Der Dünenwanderer von gestern verfolgt in gebührendem Abstand nun vom tiefer gelegenen Wasser aus geruhsam sitzend noch einmal seinen Wanderweg über die Dünen. Wie schön und leicht sieht jetzt alles aus. Aber wie lang, lang und mühsam war doch die Wanderung, das Stapfen durch den oft losen Sand. Er fährt nun schon eine ganze Weile mit dem Motorschiff. Dort, dort war es, wo er seine Tour enden ließ. Dort vor der Weißen Düne. Dann die „Hohe Düne" bei Nidden in ihrer ganzen Majestät - mit Steilabfall zum Haff. Hier spürt jeder Neringas Nähe ganz deutlich! Der Sonnenuntergang mit der Silhouette der Kurischen Nehrung vor sich, vom Motorschiff am Abend beobachtet, ist ein eindrucksvolles, unvergessliches Naturschauspiel.

 

                            Litauische Mythen plastisch

Der Naturfreund wird nicht nur Äußerlichkeiten seiner Umgebung wahrnehmen wollen. Er wird auch die Seele der auf der Kurischen Nehrung lebenden Menschen zu ergründen suchen. Und er wird mit Sicherheit fündig. Da ist die vorchristliche Vergangenheit dieser Menschen.  Jeder sollte sich bewusst sein, dass die Litauer in Europa am spätesten Christen wurden! Auf einem Gang über den „Skulpturenweg" in Schwarzort ist der Tourist mit altem litauischem Heidentum in beträchtlicher Auswahl konfrontiert : Holzplastiken der

verschiedensten litauischen Künstler, die von einer Begebenheit oder Gestalt aus der überlieferten Mythenwelt erzählen. Überall der Reiz zum Verweilen, zum Anfassen, vielfach Kopfschütteln, weil das behandelte Thema dem Betrachter nicht bekannt ist. Selbst bei Litauern, die von irgendwoher auf der Welt hier als Touristen nach ihren „roots" suchen.


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  Mystischer Seenotrettungsdienst   Elchweg

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  Volle Fahrt   Nehrungsweg



                           Die Nehrungsfriedhöfe - Stätten der Versöhnung

Dann die Friedhöfe! Pietätvolle Bewahrung. Teilweiser Verfall, weil es zum Beispiel niemanden mehr gibt, der für die Grabpflege der hier Beerdigten sorgen könnte. Teilweise Mitbenutzung „freier" Flächen oder  von Friedhofserweiterungen. Teilweise aber auch Pflege alter deutscher Gräber durch Litauer: Eingefallene Grabstätten wurden mit Erde aufgefüllt, neue Fassungen rahmen sie ein, mutwillig zertrümmerte Grabsteine wurden vielfach mühsam wieder zusammengefügt. Eiserne Grabkreuze mit schützendem Farbanstrich vervollständigen einstmals verfallene Grabhügel. Aber auch viele ungepflegte Gräber - dennoch : alle auf umzäunter, geweihter Erde.

Der Betrachter empfindet diesen Zustand wohltuend. Denn er hat auch anderes gesehen: Zu Fußballplätzen entweihte Friedhöfe, Fabrikhallen über altehrwürdigen Ruhestätten Ehemaliger - alles Erbgut einer Zeit, von der hier niemand gerne spricht. Die heute hier lebenden Menschen zeigen den Besuchern, dass sie mit der wechselvollen Vergangenheit leben wollen. Das tröstet viele Ehemalige. Wird ihnen hierdurch doch deutlich, dass ihre Wurzeln von den Jetzigen geachtet und nicht verdammt werden. Das war nicht immer so. Die Sowjets waren bestrebt, mit der Zeit alles Deutsche in diesem Landstrich „auszuradieren". Der relativ gute Zustand der Kirchen, die Bewahrung des christlichen Glaubens, der Kultur und der Sprache in jahrelanger Bedrängnis sagen deutlich: Hier leben heute Menschen, die dem gleichen Kulturkreis wie wir angehören.


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  Grabtafeln auf Niddener Friedhof   Einsame Ruhe



                           Die Kurische Nehrung - künftiges Urlaubsparadies

Nicht zuletzt deshalb - aber besonders wegen ihrer Einmaligkeit und Schönheit - hat es die Kurische Nehrung verdient, in das touristische Bewusstsein der westlichen Welt gerückt zu werden. Diesen Landstrich sollten vor allem viele Naturfreunde aufsuchen, die die Kurische Nehrung

als zu erwanderndes Ziel wählen. Sie werden begeistert sein! Die Kurische Nehrung ist heute leicht zu erreichen. Sie liegt geradezu vor unserer Haustür. Zwischen einer Stunde und zwei Stunden Flugzeit zum Beispiel von Frankfurt am Main, Hannover oder Hamburg nach Polangen und nach kurzer Busfahrt von dort auf die Kurische Nehrung. Selbstverständlich kann jeder bei privater Unterkunft mit seinem Gastgeber vorher ausmachen, mit dessen Pkw vom Flugplatz abgeholt zu werden. Das machen die Litauer gern! Aber man kann auch mit dem Luxusdampfer, mit dem Reisebus oder mit dem privaten Pkw anreisen.

Natürlich muss die Republik Litauen noch einiges tun, um sich längerfristig auf anhaltenden Tourismus einzustellen. Die jungen Menschen  westlicher Prägung erwarten und leisten sich in ihrem Urlaubsland gern Dinge, die immer noch oft Mangelware auf der Kurischen Nehrung, aber auch im übrigen Litauen sind. Sie wollen einmal in eine Disco gehen, ihnen behagende Musik hören oder tanzen können. Sie möchten vor Ort beweglich sein, um die nähere oder weitere Umgebung kennen zu lernen. Sie wollen bequem an ihr Urlaubsgeld kommen können. Sie wollen mal unbevormundet mit einem Fischkutter, einem Motor- oder Segelboot aufs Haff hinausfahren. Sie möchten ohne viel Formularkram an- und abreisen können. Kurz: Sie möchten so richtig Urlaub machen!

Hieran sollte die Republik Litauen besonders denken, wenn sie einen Tourismus auf lange Sicht aufbaut. Sie sollte gut analysieren. Nicht protzige, sondern solide Angebote machen! Denn wie gesagt: Die Jugend bedeutet auf lange Sicht die Zukunft für den Tourismus auf der Kurischen Nehrung!

Seit einiger Zeit sitzt Litauen gemeinsam mit Deutschland im „Boot EUROPA“. Vieles ist jetzt einfacher und leichter geworden – für uns Memelländer, aber auch für die Litauer.
Nutzen wir diese Gemeinsamkeit bei allen sich bietenden Gelegenheiten!


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  Ostseesonnenuntergang   Ostsee und Strandhafer

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  Ostsee Treibgut   Badeparadies

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  Einsame Ostseenixe   Der Tag neigt sich